Konzerte

Viva Swizz/Megaherz - Zürich, by Susanne

Manchmal denkt man, dass gewisse Wünsche nur Träume bleiben und sich nie erfüllen. Ich hatte mir in meinem Leben oft vorgestellt, wie es wäre, wenn ich a-ha eines Tages begegnen würde. Seit ich dreizehn bin, gehörten sie zu meinem Leben, und warum, weiss man vielleicht selber gar nicht mehr - es ist einfach so. Die Tagebücher vollgeschrieben, Geschichten über sie erfunden und sich tausendmal ausgemalt, wie es wäre, ihnen eines Tages zu begegnen, die Musik vorne bis hinten auswendig gekannt - ja, sie sind ein Teil meines Lebens.

Nun, was ich an diesem 16. April erleben sollte, würde ich am liebsten meinem fünfzehn Jahre jüngeren Ich erzählen, aber Zeitmaschinen sind leider immer noch nicht erfunden. Meine Mutter hätte nur davon träumen können - sie war Elvis-Fan.

Ich hatte mir extra freigenommen an diesem Tag, damit ich mit Monica und Ilaria mitziehen konnte, und wir wussten rein gar nicht, was uns bevorstehen sollte. Wir hatten noch nicht einmal Tickets für die Megaherz-Sendung bekommen. Auf dem Weg nach Zürich fragte ich mich sogar noch, was dieser Tag bringen würde, ob wir nicht unsere Zeit verschwendeten, aber immerhin, wir würden unseren Spass haben, das war die Hauptsache. Ich wartete also am bei der grossen Uhr am Zürcher Hauptbahnhof, vertrieb mir die Zeit mit der Unterhaltung einer sich ausbildenden Werklehrerin, als Monica und Ilaria mit strahlenden Gesichtern eintrafen. Nichtsahnend ging ich mit ihnen zum Auto, sie nahmen mich in die Mitte und konnten es kaum erwarten, mein Gesicht zu sehen, als sie mir eine grosse Neuigkeit mitteilten: Wir dürfen als Gäste in die Megaherz-Sendung! Moment. Hatte ich richtig gehört? Wir sollten uns um sieben Uhr bei Chris melden, unsere drei Namen stehen auf der Gästeliste... also, das war schon mal ein dicker Brocken, sowas war mir noch nie passiert. Kaum war ich also da, begann der Tag meine Erwartungen zu übersteigen! Und noch schlimmer, die Nachricht von Chris war so vage, dass er noch nicht wisse, was nach der Sendung passieren würde... und Monica und Ilaria teilten mir sachte mit, dass es vielleicht ganz gut wäre, uns schon mal ein paar Interview-Fragen zu überlegen. Interviewfragen. Äh ja. Natürlich. Und was sollte ich mit meinen Nerven nun machen?

Tagesplanung. Womit anfangen? Um halb vier Uhr wollten wir bei Viva Swizz vorbeipirschen. Vorher gab es noch einiges zu erledigen wie Discman und Batterien besorgen, bei WEA vorbeigehen und die Beschwerde einreichen, dass wir nie eine Antwort gekriegt hätten und endlich mal was zu beissen zu besorgen, ich hatte nämlich noch nichts Anständiges gegessen.

Nervosität scheint den Orientierungssinn durcheinanderzubringen, denn erst fuhren wir eine geraume Weile ziellos im Kreis herum, bis wir unsere Sachen fanden. Bei WEA empfing uns eine schüchterne Dame, die uns ziemlich viel Ehrfurcht entgegenbrachte, weil wir scheinbar so offiziell wirkten, aber ich trug ja auch unnötigerweise eine Riesentasche mit mir herum, in der man eine ganze Fotoaustrüstung vermutet hätte, die aber mit nichts Weiterem als meinem halben Haushalt gefüllt war, und Monica und Ilaria hatten reichlich Übung im Auftreten. Wir bekamen die Auskunft, dass Marcus auf dem Weg zum Flughafen sei, um a-ha abzuholen.

Kurz vor halb vier fuhren wir auf dem Parkplatz von Viva Swizz ein. Ich war mächtig aufgeregt, glaubte aber immer noch nicht recht daran, dass wir einen Zipfel von a-ha sehen würden. Wenn doch... dann war es nicht auszudenken, weil das die Erfüllung eines sechszehn Jahre lang gehegten Traumes sein würde. Wir durchforschten das Gelände und suchten den Hintereingang, landeten aber nur in einer Sackgasse, gefolgt von zwei anderen Fans, die uns vielleicht für leicht verwirrt hielten. Und letztendlich blieb uns nichts anderes übrig, als uns vor dem Haupteingang auf ein Mäuerchen zu setzen und abzuwarten, mit dem Gedanken, dass es wohl eher unwahrscheinlich war, dass a-ha da einfach vor unserer Nase hereinspazieren würden. Und so starrte ich Löcher in die Luft und hing dem Gedanken nach, wie es wohl sein würde, wenn nun doch tatsächlich...
Ich kam nicht sehr weit. Denn was nun geschah, war so unglaublich schön, dass ich das Bild nie vergessen werde. Drei dunkelblaue Mercedes kamen herangerollt und landeten buchstäblich vor unseren Füssen, so nah, es wirkte, die seien extra wegen uns gekommen. Ich blinzelte etwas überrascht und dachte, dass das irgendwelche wichtigen Manager seien. Monica rief: "Susanne, schnell, das Banner!" Nein, es kann ja nicht sein, oder? formte ich in meinem Kopf, während ich umständlich das Banner herauskramte, so dass Monica mich ein zweites Mal rüttelte. Und da kapierte ich endlich! Wir rollten das Banner auf, erhoben uns und stellten uns auf, und aus dem ersten Auto stieg der Chauffeur und ging um den Wagen herum, um die Beifahrertür zu öffnen, und hervor kam, wie aus einem Poster entsprungen, Paul Waaktaar-Savoy. Ich glaubte echt meinen Augen nicht zu trauen. Paul lächelte uns an und begrüsste uns unglaublich freundlich, während uns Klösse im Hals wuchsen, und er kam auf uns zu, so nah, dass ich dachte, er würde uns gleich die Hand schütteln. Aber das tat er nicht, das tun Norweger nicht, wie Ilaria mich aufklärte. Paul las unser "Velkommen i sveits!", lächelte verschmitzt und sagte: "You spelled it right!"

Inzwischen kam aus dem zweiten Auto niemand Geringeres als Morten Harket zum Vorschein und lächelte uns ebenfalls mit einem freundlichen "Hi!" an, während wir dastanden wie die Japaner und mit einem nickenden "Hi" antworteten in der nachträglichen Hoffnung, nicht einen ganz dümmlichen Eindruck auf die drei Jungs gemacht zu haben. Das dritte Auto enthüllte natürlich wie zu erwarten Magne Furuholmen, und er bedachte uns mit einem kurzen Nicken, weil er gerade am Telefonieren war. Und als die drei die Treppe hinuntergegangen und im Eingang verschwanden, liessen wir uns total perplex auf die Mauer fallen und versuchten unseren Puls wieder einigermassen auf den Normalstand zu kriegen. Wie immer realisierte ich im Moment gar nicht, was geschah und ich musste mir selber sagen: "Da standen nun a-ha leibhaftig vor dir, nach all den Jahren, und du hast soeben erlebt, wovon du immer geträumt hast!"

Nicht viel später entdeckte Ilaria einen ihr bekannten Moderator, und wir liefen auf ihn zu, um ihn zu begrüssen. Und da lud er uns tatsächlich ein, mit reinzukommen und die Aufzeichnung des Interviews auf dem Monitor anzusehen. Wir liessen uns nicht zweimal bitten - zum richtigen Zeitpunkt also am richtigen Ort! Wir gingen rein und staunten nicht schlecht, als da einfach wie bestellt und nicht abgeholt Magne herumstand, mitten unter den paar wenigen Leuten, die sich eingefunden hatten. Ein paar Teenager-Fans waren von irgendwoher gekommen. Auf einmal stand Morten da, ging unter uns herum, und wir standen perplex da und kniffen uns in Gedanken in den Arm, um uns zu vergewissern, dass wir wirklich wach waren. Morten machte Fotos mit ein paar Fans und steuerte dann wieder auf die Garderobe zu. Im Vorbeigehen wandte er sich um, blickte uns drei an und fragte: "How are you going?" Äh.... warum verschwanden nun alle Englischkenntnisse im selben Moment? Ich war gerade dabei, die letzten Brocken zusammenzukratzen, doch zum Glück hatte Ilaria schon ein "We are fine!" bereit, bevor Morten uns noch möglicherweise für stumm halten konnte. Wir waren uns einig, dass wir die Situation folgendermassen beschreiben konnten: Nicht wir haben mit a-ha gesprochen, sondern a-ha haben mit uns gesprochen.

Währenddem sie im Studio waren, fassten wir den Mut und fragen Ylva Neumann, ob wir für unseren Fanclub eventuell Fotos von a-ha machen könnten, als Gruppenbild mit uns zusammen. Sie war unheimlich freundlich und versprach uns, ihr Möglichstes zu tun. Ich war sehr beeindruckt, wie ernst sie unser Anliegen nahm.
Wir betrachteten die Aufzeichnung, aber natürlich bekamen wir nicht wirklich was mit. Unsere Gedanken kreisten nur darum, was nach dem Interview passieren würde. Würde das wirklich klappen mit den Fotos?

Eine halbe Stunde später kam die Band zurück und unser Puls wurde wieder schneller. Doch unser Wunsch sollte nicht in Erfüllung gehen. Erst war ich furchtbar enttäuscht, doch dann dachte ich daran, dass dieser Tag dennoch meine Erwartungen bei Weitem überstiegen hatte. Ausserdem sollte es doch erst der Anfang sein...
Paul ging schliesslich an uns vorbei, murmelte ein leises "Sorry, I'm on the phone!" und verschwand nach draussen. Da wussten wir, dass es kein Gruppenfoto geben würde. Auch Magne schlug kurz darauf den Weg nach draussen ein. Doch Morten stand noch immer vor der Garderobe und diskutierte auf norwegisch mit einer Frau, die vermutlich die Mutter eines der Teenager war und sichtlich nicht begeistert von seinen Antworten war. Wir verstanden zwar kaum, was er ihr erklärte, doch ganz offensichtlich ging es um uns drei, denn er blickte zu uns und zeigte sogar auf uns, und es lag etwas Freundliches in seiner Stimme. Doch wir werden wohl nie erfahren, was er der Frau über uns gesagt hatte.

Ylva Neumann erklärte uns, dass die Band das Gruppenfoto abgelehnt hätte. Die Gründe verstanden wir nicht ganz und wir rätselten eine Weile, doch wir waren uns einig, dass es nichts mit uns zu tun hatte.

Grinsend stellte ich fest, dass Morten auch diesmal wieder der Letzte war und Magne und Paul auf ihn warten mussten - wie in "Minor Earth, Major Sky". Aber wir waren glücklich, dass er sich die Zeit nahm, im Vorbeigehen noch Autogramme zu verteilen. Es war für mich ein historischer Moment, als ich die rosa Karte mit seiner Unterschrift in der Hand hielt. Ein Autogramm von Morten! Wenn ich DAS zuhause erzählte!!! Und dazu schoss ich noch ein Foto von ihm aus nächster Nähe - mit Brille. Wenn er eine Brille braucht, um Autogramme zu schreiben, dann muss er mindestens so kurzsichtig sein wie ich ;-).

Wir rannten zu unseren Autos und liessen ein paar Jubelschreie fahren - das musste nun einfach sein! Als wir langsam aber sicher fassen konnte, was uns soeben geschehen war, stellten wir fest, dass wir mächtig Hunger hatten und aufs WC mussten. Wir fuhren direkt zum Schweizer Fernsehen und fanden dort gleich ein Restaurant, wo wir uns zu dritt eine Riesenportion Pommes mit Chicken zu Gemüte führten und uns bereits die wildesten Sachen für heute Abend ausmalten. Um sieben Uhr sollten wir Chris treffen, und um acht Uhr erst begann die Sendung... was zum Geier würden wir denn eine Stunde lang machen? Es war für unsere Nerven besser, nicht daran zu denken.

Doch wieder wurden wir ernüchtert. Als wir uns Punkt Sieben beim Empfang meldeten, teilte uns die Dame mit, dass Chris erst um viertel vor acht kommen könnte, wir sollten doch inzwischen oben im Restaurant warten. Nun gut, so geht das beim Fernsehen eben zu und her, dachte ich, von Termin zu Termin... immerhin, oben im Restaurant zu sitzen war ein grosses Vorrecht, denn welcher normal Sterbliche Mensch kommt da schon rein? Ausserdem durften wir sage und schreibe in die Sendung, und das war schon zehnmal Grund genug zur Dankbarkeit! Oben im Restaurant bestellten wir uns was zu trinken, setzten uns und hatten gleich darauf das Gefühl, von allen angestarrt zu werden. Und es war wirklich so, denn unsere T-Shirts waren nicht gerade unauffällig. Plötzlich schienen alle Leute um uns herum über a-ha zu sprechen, während die Uhr mühsam vorwärtstickte.

Punkt viertel vor acht fanden wir uns wieder vor dem Empfang ein, wo wir direkt auf Chris trafen. Er begrüsste uns freundlich, dem Koffer nach zu schliessen, den er mit sich zog, war er ziemlich in Eile. Er nahm uns mit und schleuste uns durch die Garderoben ins Studio. Eine junge Frau lief an uns vorbei und rief in eine der Garderoben: "It's Time for Make-up!" Wir blickten uns an und mutmassten, dass wir wahrscheinlich soeben wieder an a-ha vorbeispaziert waren.

Das Studio war bereits voll, und Chris sorgte dafür, dass wir Plätze bekamen, wo wir die Bühne gut im Überblick hatten.

Die Show begann, wir wurden von den Personen rechts und links begrüsst, die es sehr interessant fanden, dass wir der Schweizer a-ha-Fanclub waren. Ich nestelte an meiner Kamera herum, um sie griffbereit zu haben, wenn a-ha auftraten.

Die Show war interessant, aber wir konnten den Auftritt von a-ha natürlich kaum erwarten. Es kamen eine Menge interessanter Stars wie Gianna Nannini und Al Bano, aber die drei Jungs aus dem hohen Norden bildeten eindeutig den Höhepunkt.


Fast zum Schluss kamen sie auf die Bühne, und es war ein witziges Gefühl, sie zum zweiten Mal am selben Tag zu sehen. Und es sah tatsächlich aus, als hätte uns Morten wiedererkannt, denn er grinste sichtlich in unsere Richtung. Wir empfanden es als riesiges Geschenk, dass uns Chris gemacht hatte, denn nochmals zu erleben, dass a-ha einen Gastauftritt für so wenig Leute geben würde, war fast unwahrscheinlich. Wir genossen den Moment ausgiebig, jede von uns versuchte ihn irgendwie festzuhalten. Ich dachte wieder einmal mehr daran, warum mir a-ha das bedeuten: Sie haben mich einfach durch mein Leben begleitet, ich bin mit ihnen aufgewachsen. Und es ist schön, dass es sie noch gibt, dass sie nicht in Vergessenheit geraten sind und es auch nie werden, denn eins ist sicher: Sie haben ein Stück Musikgeschichte geschrieben!

Die Show war kurz nach dem Auftritt von a-ha zu Ende, wir applaudierten kräftig, dann wurden wir im Strom der Leute aus dem Studio geschickt. Vergebens hofften wir, nochmals die Chance für ein Gruppenbild zu bekommen, doch der Tag hatte uns ja so viel mehr gebracht, als wir zu träumen gewagt hätten!

Und so gingen wir, noch immer berauscht, zu unserem Auto, liessen alles nochmals in unseren Köpfen abgehen und machten uns auf den Heimweg durch die dunkle Nacht, und aus dem Autoradio dudelten leise die Töne von "Forever not yours"...

.